English Literary History

(Auszug aus: Christoph Grießhaber,Godspelles Gifu, Hamburg 1996)

Kapitel 1: Die Christianisierung der Angelsachsen Exkurs: Altenglische Dichtung - heidnisch oder christlich Kap 2: Literatur und Glaubensverkündigung

Einleitung

Will man die Bedeutung der angelsächsischen Literatur für Theologie und Glaubensverkündigung sowie ihren Einfluß auf das geistig-religiöse Leben im westlichen Europa des frühen Mittelalters ermessen, so müssen zuallererst zwei historische Ereignisse, die England tief geprägt und gestaltet haben, in Betracht gezogen werden. Da ist zuerst die Eroberung Englands durch die germanischen Stämme der Angeln, Sachsen und Jüten und die damit verbundene Vertreibung bzw. Akulturierung der keltischen Bevölkerung zu nennen. (1) Beim zweiten wichtigen Ereignis handelt es sich um die Christianisierung dieser germanisch-heidnischen Völker. Der größte Teil der altenglischen Literatur nach dem 7. Jahrhundert ist von diesen beiden Ereignissen nachhaltig beeinflußt.

Gildas Werk De Excidio Britanniae gilt als erstes Dokument über den Beginn der altenglischen Periode (2). Dieser britannische Mönch berichtet vom Hereinbrechen der germanischen Stämme über die einheimische Bevölkerung und beschreibt das erste Jahrhundert ihrer Herrschaft aus der Sicht eines Kelten, des Unterlegenen und Christen, in lateinischer Sprache verfaßt. (3) Er liefert dafür eine theologische Rechtfertigung. Den Grund für das Hereinbrechen der germanischen Stämme sieht er im Wunsch Gottes, daß seine 'Familie' (familia sua) Buße tue und gereinigt werde von allem Bösen, allein durch die Ankündigung des Leids, das mit dem Einfall der Feinde, die auf Zerstörung und Eroberung aus seien, verbunden sei, wie er im 22. Kapitel ausführt. (4)

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Die frühere Literatur der Invasoren orientierte sich dagegen thematisch zum einen an den Mythen und Geschichten, die diese Germanen mit auf die Insel gebracht hatten. Nach Stanley Greenfield gibt es reichlich Hinweise, daß narrative Elemente der germanischen Dichtung in den Liedern der Stämme, die sich in England niedergelassen hatten, überlebten. Gedichte wie Deor und Widsith bezeugten die Vitalität und Beliebtheit kontinentaler Heldengeschichten, so z.B. über Ermanarich, Theoderich, sowie den Dänen Ingeld in der frühen altenglischen Lyrik. (5) Die Versform, d.h. der Stabreim, die die altenglischen Autoren für ihre Dichtung benutzten, kann wie die althochdeutsche, altsächsische und altnordische Versform von einer gemeinsamen Urform abgeleitet werden. (6) Auch Dorothy Whitelock weist auf diese große Ähnlichkeit im Versmaß hin und schließt daraus auf eine gemeinsame germanischen Ur-Versform (7), die die Angelsachsen in ihre neue Heimat mitbrachten. An das Versmaß ist die traditionelle ars poetica (8) und die damit verknüpfte Vorstellungswelt gebunden.Angelsächsische Dichtung besitzt somit Anteil an der literarischen Tradition der nord- und westgermanischen Völker, deren kulturelles, religiöses und literarisches Erbe in ihr ihren Niederschlag fand. Angelsächsische Dichtung ist zum anderen ebenfalls stark geprägt von den Glaubens- und Wertvorstellungen des sich ausbreitenden Christentums, an dessen Themen die Dichter starkes Interesse zeigen. Beginnt die altenglische lyrische Tradition mit dem Gedicht Widsith (9) als Widerspiegelung germanischer Helden-Epik, so wird als erstes christliches Gedicht weitgehend Cædmons Hymnus auf die Schöpfung angesehen. (10) Die Germanen hatten vor der Christianisierung keine schriftliche Literatur besessen. Erst nach der Christianisierung begann man, die Gedichte und Erzählungen aus der mündlichen Überlieferung niederzuschreiben. Da nur Christen die Schreibkunst beherrschten, waren es die Mönche und Priester, die diese Überlieferungen bewahrten und in den Manuskripten aufzeichneten. Es ist deshalb kaum verwunderlich, daß die überlieferte Literatur ausschließlich aus christlicher Perspektive weitertradiert wurde.

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Vor allem im 19.Jahrhundert hatte man versucht, die heidnischen Elemente wieder herauszulesen. Dies führte zu Frustrationen und Positionen akademischer Nutzlosigkeit, wie sie Stanley in seinem Buch The Search for Anglo-Saxon Paganism dargestellt hat. (11) Der Aspekt des Heldentums als wichtigstes Erbe der kontinentalen Vergangenheit der Germanen wurde allerdings durch die Übernahme durch die Kirche nicht verringert. Im Gegenteil, die heroische Art und Weise eignete sich besonders als didaktisches Mittel der geistlichen Kriegsführung, um die ganze Bandbreite christlicher Ideale und Vorstellungen zu vermitteln. (12)

Beide Faktoren also - das kulturelle Erbe der Germanen und das Christentum - haben die altenglische literarische Tradition nachhaltig geprägt und gestaltet. Nach Wrenn ist Cædmons Hymnus (13) das erste Beispiel der neuen Anwendung und Überlieferung germanisch-heidnischer Traditionen auf christliche Themen. (14) Cædmon kann somit als "Begründer" der geistlichen Epik angesehen werden, weil er als "illiteratus" die alten Stoffe nicht kannte und so den Antityp zum weltlichen Sänger (scop) abgab. (15) Weitere Themen, vor allem Berichte und Erzählungen über Personen aus dem AT und NT wie z.B. in den Gedichten Daniel, Genesis, Christ and Satan und später auch Heiligenleben, sind auf solche Art verarbeitet worden. Die Hintergründe dieser beiden prägenden Faktoren sollen im folgenden näher erläutert werden, weil dies für das Verständnis der theologischen Inhalte der altenglischen Gedichte unerläßlich ist, wenn diese nach der absoluten Chronologie auch erst aus dem Ende des 10. Jahrhunderts stammen.

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1. Nach neuesten Erkenntnissen wurden gar nicht so viele Kelten getötet oder vertrieben. Selbst Cædmon trägt einen keltischen Namen, auf neuwalisisch Cadfan [Kadran]. Zu Cædmon, siehe S. 114. Zur keltischen Geschichte in England und Irland vgl. LAING, L. and J., Celtic Britain and Irland, Dublin 1990, 67-95.

2. Vgl. Greenfield, 1965, 5; Winterbottom, 1978, 1. Als Entstehungsdatum wird allgemein das Jahr 540 n. Chr. angenommen. F.M. Stenton hatte 547 n. Chr. als das Ent stehungsjahr angesehen (vgl. Stenton, 21947, 2). Thomas D. O'Sullivan allerdings zieht das "orthodox date" in Zweifel. Seiner Meinung nach handelt es sich um das authentische Werk eines britischen Predigers oder Propheten, das zwischen 515-520 n. Chr. verfaßt wurde (vgl. O'Sullivan, 1978, 180). Zu Gildas siehe Gildas: New Approaches, 1984, ed. by LAPIDGE, M./DUMVILLE, D., Woodbridge; SIMS-WILLIAMS, P., 1983, Gildas and the Anglo-Saxons, in: Cambridge Mediaeval Celtic Studies 6, 1-30; O'SULLIVAN, T.D., 1978, The Excidio of Gildas: Its Authenticity and Date, Columbia Studies in the Classical Tradition, Leiden; WALL, Ch.J., 1978, The First Christians in Britain, London (no Date). Zur Rolle der keltischen Kirche und des ekklesialen Lebens zur Zeit Gildas siehe SHARPE, R., 1984, Gildas as a Father of the Church, in: Gildas: New Approaches, edited by LAPIDGE, M./DUMVILLE,D., Woodbridge, 191-205.

3. Obwohl Beda den Autor einen Geschichtsschreiber nennt (vgl. Beda, EH I, 22, 100), Gildas selbst von einer tränenreichen und beklagenswerten Geschichte spricht - "Hic sane antea concludenda erat, uti ne amplius loqueretur os nostrum opera hominum, tam flebilis haec querulaque malorum aevi huius historia" - (Gildas, Ruin of Britain, ed. by Winterbottom, 37.1, 105), wird der historische Aspekt dem moralischen untergeordnet. Gildas nennt seine Absicht zu Beginn seines Werkes: "In hac epistola quicquid deflendo potius quam declamando, vili licet stilo, tamen benigno, fuero prosecutus, ne quis me affectu cunctos spernentis omnibusve melioris, quippe qui commune bonorum dispendium malorumque cumulum lacrimosis querelis defleam, sed condolentis patriae incom-motatibus miseriisque eius ac remediis condelectantis edicturum putet". (ebd. 1.1, 87) Über ihn schreibt Wulfstan ca. 400 Jahre später: "An þeodwita waes on Brytta tidum Gildas hatte. Se awrat be heora misdaedum hu hy moid heora synnum swa oferlice swyþe God gegraemedan þaet he let aet nyhstan Engla here heora eard gewinnan 7 Brytta dugeþe forðon mid ealle." (Wulfstan, Sermo Lupi ad Anglos Quando, in: The Homilies of Wulfstan, ed. by Bethurum, D., Oxford 1957, 274).

4. Gildas, Ruin of Britain, ed. by Winterbottom, 22.1, 96.

5. Vgl. Greenfield, 1965, 80. Alcuins berühmte Bemerkung "Quid Hinieldus cum Christo?" gibt Auskunft über die Beliebtheit und Wertschätzung, die die germanischen Helden in christlich-mönchischen Kreisen genossen (vgl. ebd. 1). Im übrigen folge ich hier der traditionellen Datierung der altenglischen Poesie, die von einer frühen Entstehungzeit ausgeht (vgl. die Zeittafel in: Pilch/Tristram, 1979, 199-201). Allerdings wird diese Frühdatierung in letzter Zeit zunehmend in Zweifel gezogen. Vgl. hierzu S. 62.

6. Vgl. Greenfield, 1965, 69.

7. Vgl. Whitelock, 1952, 207. Ebenso Pilch/Tristram, 1979, 139f.

8. Zur altenglischen ars poetica siehe Pilch/Tristram, 1979, 83-120.

9. Vgl. Wilson, 1974, 9.

10. So etwa die Literaturhistoriker Schubel, Baugh, und Evans. Vgl. Schubel, 21967, 38; Baugh, 21967, 60; Evans, 1978, 20. Im Gegensatz dazu identifiziert Geoffrey Sheperd den Beginn englischer Lyrik mit dem Aufkommen biblischer Gedichte: "The recorded beginning of English poetry is the beginning of English biblical poetry" (Sheperd, 1966, 7). In Cædmon als dem ersten Dichter konvergieren folglich die Tradition der alten mündlich überlieferten Dichtkunst mit dem vollständig neuen intellektuellen und spirituellen Bezugssystem. "The new world of reference gave vitality to the old poetics: the old poetics gave strength to the proclamation of a new faith." (Sheperd, 1966, 8). Zu Cædmon siehe auch S. 114. 11. Vgl. Stanley, 1975.

12. Vgl. Bradley, 1982, XVII

.13. Cædmon besitzt unter den altenglischen Dichtern eine Sonderstellung, da er als "illiteratus" durch die Gnade Gottes - "divina gratia specialiter insignis" (Beda, EH II, 24, 140) - die Fähigkeit zu dichten erwarb und religiöse und fromme Lieder - "carmina religioni et pietati apta facere solebat" (ebd., 140) - komponierte und dadurch seine Brüder zum Streben nach dem himmlischen Leben - "ad contemptum saeculi, et appititum sunt vitae caelestis accensi" - anregte. Ursula Schaefer sieht gerade in Bedas Bericht, ebenso wie in Alcuins Mahnbrief an den Bischof Hygebald von Lindisfarne, bei Mahlzeiten der Geistlichkeit keine "Laienlieder" vortragen zu lassen, Belege für eine kontemplativ-erbauliche Kunstrezeption, die darüber hinaus aber auch Zeugnis geben für eine Form der Dichtung, die nicht in diese Norm paßte (vgl. Schaefer, 1992, 96f)

14. Vgl. Wrenn, 1967, 102f

15. Vgl. Weber, 1985, 296.

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