Godspelles Gifu

Das Evangelium der Gnade in den Gedichten Cynewulfs

Hamburg 1996

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Zusammenfassung und Ergebnisse (siehe auch Einleitung)

1. Zusammenfassung zu These 1.
2 Zusammenfassung zu These 2
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3. Zusammenfassung zu These 3
.
4. Dichtung und Mystik


Zusammenfassung und Ergebnisse

Matthew Fox, ehemaliger Dominikanerpater, Gründer und Leiter des Instituts für Kultur und Schöpfungs-Spiritualität am Holy Names College in Oakland/Kalifornien schreibt in seinem Artikel Die Zeit ist ein Gebet (1) über die Kunst, sie sei Gabe Gottes, damit wir einander heilen und ganz werden. Die Beschäftigung mit Kunst sei somit Mystik und Meditation zugleich:

"In der meditativen Kunst hören wir wirklich auf den Kosmos in uns und um uns. Wir gebären die fortlaufende Kosmogenesis unserer Welt und unserer Welten. Die Schöpfung wird als Segen wiederentdeckt, und wir bestätigen unser Vertrauen in das Loslassen." (2)

Das schöpferisch-kreative Schaffen bedeutet immer, zu lernen, neu zu beginnen und loszulassen, wobei es gleichgültig ist, welche Wege dabei eingeschlagen werden, um den "hochgradigen Bewußtseinskrampf", wie es C.G. Jung nennt, zu lösen. (3)

Diese von Matthew Fox vorgetragenen Überlegungen bildeten den Ausgangspunkt meines interpretativen Ansatzes, indem ich fragte, worin Cynewulfs künstlerische und theologische Qualität bestünde, damit eine Beschäftigung mit seiner Dichtkunst über den rein historisch-ästhetischen Ansatz hinaus zu rechtfertigen sei. Wenn Kunst, und hier insbesondere die Dichtkunst, eine von Gott geschenkte Gabe ist, wie es ja auch Cynewulf in seinem ersten Epilog zur Elene formuliert, die den Künstler heil macht und ganz werden läßt, so muß dies in gewissem Maße auch für die Adressaten gelten, für die ein Künstler malt, komponiert oder schreibt. Damit erhält die Kunst jenen Charakter des Ewigen, der immer gültig bleibt, jedoch immer wieder neu vom Rezipienten aufgrund des jeweils eigenen historisch-politisch-kulturellen Kontextes interpretiert werden muß. Cynewulfs Dichtung muß jedenfalls für seine Zeit so wichtig gewesen sein, daß je zwei seiner Gedichte in verschiedenen Handschriften festgehalten wurden und der Nachwelt erhalten blieben.

Die von mir eingangs aufgestellten Thesen (4) sind somit bestätigt worden. Im folgenden sollen die Ergebnisse kurz zusammengefaßt werden.

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1. Zusammenfassung zu These 1

Das altenglische Schrifttum vom 7. - 11. Jahrhundert wurde größtenteils von Mönchen verfaßt, so daß es nicht verwundert, daß sowohl Dichtung als auch Prosa der angelsächsischen Autoren wesentlich von der Begegnung mit dem christlichen Glauben geprägt wurde und weitgehend christliches Gedankengut beinhaltete. Insgesamt kann man sagen, daß altenglische Literatur monastisch ausgerichtet war und sich vorwiegend an Mönche, Priester und literarisch gebildete Laien, insbesondere Adlige wandte. (5) Die Autoren folgten der Intention, den christlichen Glauben zu festigen sowie den heidnischen Glauben, der nie völlig auszulöschen war, zu bekämpfen.

Die Christianisierung der Angelsachsen verlief in drei Phasen. Ausgangspunkt der ersten Phase waren die Missionbestrebungen der iro-schottischen Mönche von Iona aus und die Initiative Gregors des Großen, der die in England eingefallenen germanischen Stämme zum Christentum bekehren wollte. Während die irische Form des christliche Glaubens ausschließlich monastisch-asketisch auf die Verinnerlichung des Glaubens ausgerichtet war, was vor allem durch die von ihnen praktizierte Form der Privatbuße deutlich wird, bestand das gregorianische Erbe in der Verwirklichung einer pastoral-orientierten, auf Augustinus beruhenden Theologie, die den Schwerpunkt auf das moralische Bewußtsein angesichts von Sünde, Gnade und Freiheit vor dem zu erwartendem Endgericht legte. Dieses Anliegen wurde durch das Übersetzungsprogramm Alfreds, vor allem durch die altenglische Version der Philosophiae Consolatio des Boethius, der Übersetzung von Gregors Cura Pastoralis sowie Bedas Kirchengeschichte zusätzlich in der angelsächsischen Theologie verankert. Beda war der erste, der durch seine Kirchengeschichte die Grundlage für die schriftliche Niederlegung der christlichen Lehre schuf, wobei sein Interesse der orthodoxen Glaubenslehre, wie sie durch Gregor überliefert wurde, galt. So zitiert Beda im zweiten Band seiner Kirchengeschichte Erzbischof Theodor die Synode von Heathflield aus dem Jahre 680:

"Hos itaque sequentes nos pie atque orthodoxe, iuxta divinitus inspiratam doctrinam eorum professi credimus consonater, et confitemur secundum sanctos patres, proprie et vericiter Patrem et Filium et Spiritum Sanctum Trinitatem in unitate consubstantialem, et Unitatem in Trinitate, hoc est, unum Deum in tribus Subsistentiis vel Personis consubstantialibus, aequalis gloriae et honoris." (6)

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Die erste Missionierungsphase mit der Etablierung und Festigung der angelsächsischen Kirche endete, als die Wikinger unter der Regierung von König Offa II (757-796) gegen Ende des 8. Jahrhunderts begannen, die Klöster an der Küste zu plündern. So wurde Lindisfarne am 18. Juni 793 zerstört. (7) Die Däneninvasion führte in den folgenden Jahrzehnten zum Verfall christlicher Bildung.

Erst König Alfred konnte den Untergang des Christentums aufhalten, als er in der Schlacht von Ethundane den Dänenführer Guthrum besiegte, der im Vertrag von Wedmore im Jahre 878 die Bedingungen Alfreds akzeptierte, sich taufen ließ und sich in das Gebiet des "Danelaw" zurückzog. (8) Unter seiner Herrschaft und durch das auf seine Iniitiative zurückzuführende Übersetzungs- und Bildungsprogramm konnte der christliche Glaube wiederbelebt werden.

Die dritte Phase war geprägt durch die benediktinische Erneuerungs-bewegung im 10. und 11. Jahrhundert, die von König Edgar (959-975) eingeleitet wurde und in England bis zum Tod von König Knut (1016-1036) zu einer politischen, religiösen und kulturellen Blüte führte. Es war die Zeit eines Ælfric und Wulfstan, die sich in ähnlicher Weise wie vor ihnen König Alfred, sich bemühten, das Bildungsniveau von Klerikern und Laien zu verbessern. Vor allem Ælfric gelang es, mit seinen Catholic Homilies seine Adressaten in zentralen Glaubensfragen zu belehren.

In diesem Anliegen wurden die angelsächsischen Theologen unterstützt von den Dichtern, die ihrerseits mit ihrer Dichtkunst zur Glaubensverkündigung beitrugen, so daß es zu einer Symbiose von Prosa und Poesie kam, von der beide Gattungen profitierten, indem die Homiletik von der Dichtkunst methodische Anleihen machte, die Dichtung hingegen sich homiletischer Themen widmete, mit dem gemeinsamen Interesse, die Leser bzw. Hörer zu erfreuen, katechetisch zu unterweisen, sie moralisch zu ermahnen und sie vor der Verdammnis der Hölle zu warnen, indem sie zur Umkehr aufriefen. Vor allem letzterer Aspekt war für die germanischen Stämme etwas völlig Neues, so daß es kaum wahrscheinlich sein kann, vor allem die Cynewulf-Dichtung vor dem Alfredschen Übersetzungsprogramm zu datieren, da vor ihm die Rezeption des augustinisch-gregorianischen Gedankengutes in der Volkssprache kaum denkbar war. Darüber hinaus besteht eine Verwandtschaft zwischen Ælfrics Homiletik und Cynewulfs Dichtung in ihrer katechetischen Zielrichtung. Während ersterer sich methodisch der rhythmischen Prosa bedient, lassen sich in den Cynewulf-Gedichten ebenso Passagen mit homiletischem Charakter finden. (9) Auch unter diesem Aspekt erscheint eine Frühdatierung der altenglischen Gedichte, insbesondere der Werke Cynewulfs, ausgeschlossen und eine Entstehungszeit in der Zeit nach Alfred während der benediktinischen Erneuerung im 10. und 11. Jahrhundert eher wahrscheinlich. (10)

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Deshalb halte ich die Cynewulf-Dichtung als herausragendstes Beispiel für die augustinisch-gregorianische Katechese, die unter theologischen Gesichtspunkten der einzelnen Gedichte eine konzeptionelle Einheit bilden, so daß man in der Tat von einem Cynewulf-Kanon sprechen kann. Die dichterische Realisierung der ars poetica Cynewulfs erweist sich somit in seinen narrativen und homiletischen Passagen, die auf die intellektuelle Erkenntnis zielen, während seine Bildersprache und Visionen, vor allem in den Epilogen, affektiven Charakter aufweisen und hinführen wollen zu Meditation und mystischer Versenkung.

Im einzelnen läßt sich dies am Elene-Gedicht nachweisen, das narrativ hinführt zu den grundlegenden Glaubensaussagen und zur Erkenntnis über die Wahrheit des Kreuzes. Im Christ II hingegen soll der Hörer bzw. Leser diese christologische Wahrheit, Geburt, Kreuz, Auferstehung und Himmelfahrt meditativ verstehen und die moralischen Implikationen erfassen. Im Anschluß daran stellt Cynewulf in der Juliana ein Vorbild im Glauben vor, bevor er zum Schluß mit der Auflistung der Lebens- und Leidenberichte der Apostel zum Laienapostolat ermutigen will.

Anhand der Epiloge, die nicht getrennt von den dazugehörenden Gedichten betrachtet werden dürfen, welche vielmehr die katechetischen und theologischen Themen literarisch variieren, zeigt sich Cynewulfs Absicht, daß er seine Kunst als göttliches Instrument versteht, durch die Niederschrift die Botschaft zu bewahren und zu verkünden. Seine Wortkunst ist somit Dienst am Wort Gottes und des Mitmenschen zur Verherrlichung der Frohen Botschaft. Die von mir vorgeschlagene Reihung läßt sich folglich unter dem Aspekt inhaltlicher Progression begründen.

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2. Zusammenfassung zu These 2

Aber auch theologisch erscheint die Anordnung unter dem Aspekt des Gnadenverständnisses plausibel. Cynewulf macht die Elene zum Ausgangs-punkt seines künstlerischen Schaffens, als ihm im hohen Alter die Gabe der Dichtkunst verliehen und er innerlich bekehrt wird; eine Erfahrung, die ihn fortan in der Auseinandersetzung mit seinen Themen begleiten wird, indem er sein Erlebnis auf dem Hintergrund der Bekehrungserlebnisse des Konstantin und des Judas/Cyriakus interpretiert. Im Christ II spricht er im wesentlichen von der Versöhnung in Christus und dem an die Jünger ergangenen Sendungsauftrag mit den verheißenen Gaben des Heiligen Geistes, die Botschaft zu verkünden. Was es heißt, wirklich und mit welchen Konsequenzen zu glauben, zeigt Cynewulf am Beispiel der Passion der Heiligen Juliana im Juliana-Gedicht, die er angesichts seiner eigenen Sünden auch stellvertretend für seine Mitmenschen um Fürsprache bitttet. Angesichts des drohenden Gerichts, das er noch in den Epilogen zur Elene und zum Christ II in drastischen Bildern schildert, ist seine Angst in den Fates of the Apostles gewichen, und er findet, indem er sich mit der "halgan heape" (FAp 9a) der Apostel identifiziert, Trost, Hoffnung und Zuversicht. Auch unter dem Gnadenaspekt lassen sich die Gedichte im Sinne einer thematischen Progression anordnen. Seine künstlerische Qualität liegt in der Tatsache begründet, daß er seine inhaltlichen Anliegen in eine ästhetische äußere Form kleidet.

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3. Zusammenfassung These 3

Neben der thematisch-theologischen Lektüre der Gedichte in der von mir vorgeschlagenen Reihung findet sich eine weitere Dimension, wenn man die Epiloge und die dazugehörenden Gedichte unter dem Aspekt der spirituell-mystischen Lebens- und Glaubensentwicklung Cynewulfs, und ich halte die persona für den Dichter selbst, liest. Hierin unterscheidet sich Cynewulf von den anonymen Dichtern seiner Zeit. Das Ineinanderverwobensein von dem Indikativ der Gnadenerfahrung und dem Imperativ der Gabe der Dichtkunst zur Glaubensverkündigung gewinnt somit existentielle Bedeutung. Cynewulf geht es in erster Linie um sein eigenes Seelenheil, indem er seine Sünden mit Hilfe seiner Dichtkunst bekennt und in der Auseinandersetzung mit seinen Quellen Weisheit und spirituell-mystische Vollendung erlangt, die er kraft seines poetischen Amtsverständnisses mit seinem Publikum teilt.

Die auf die Initiative der irischen Mönche zurückgehende und im karolingischen Reich in Theologie und Liturgie eingeführte Praxis der Privatbeichte (11) beinhaltete, daß der Priester den Sünder nach seinen Sünden befragt, diese nach Alter, Geschlecht und Gesundheit abwägt, bevor er ihm gemäß dem Bußschema der Handbücher eine angemessene Buße auferlegt. (12) Es fällt auf, daß es sich hierbei um kein Gespräch im eigentlichen Sinne handelt. Vielmehr können wir annehmen, daß es sich um eine Interaktion zwischen Autor und Publikum handelt, wobei auch gewissermaßen Öffentlichkeit im Sinne der karolingischen Reform hergestellt wurde. Dementsprechend bekennt Cynewulf seine Sünden nicht nur privat vor Gott, sondern in aller Öffentlichkeit vor seinem Publikum. Daher ist auch zu verstehen, daß sich Cynewulf als Autor so oft direkt an seine Leser/Hörer wendet, sie ermahnen will und um ihre Fürsprache und Gebet bittet.

Interessant ist in diesem Zusammenhang die seit dem Ende des 1. Jahrtausends praktizierte Laienbeichte. Dabei standen das Sündenbekenntnis und die damit zum Ausdruck gebrachte Reue als Zeichen für den Empfang der Barmherzigkeit und Vergebung Gottes im Vordergrund, und nicht so sehr die Person, die die Absolution spendete. Als Ersatzpersonen für Bischof oder Priester konnten sogar getaufte Christen einspringen. (13) Grundlage für die Einführung dieser Praxis war auch das neue Bußverständnis. Die alte Bußstrenge, die dem Sünder eine harte Buße auferlegte, durch die die Sünden überwunden und getilgt wurden, konnte nicht mehr länger aufrechterhalten werden, und man betrachtete das eigentliche Sündenbekenntnis als Bußwerk und schrieb ihm sündenvergebende Kraft zu. (14)

Indem Cynewulf durch das persönliche Bekennen seiner Sündhaftigkeit vor seinem Publikum sich selbst der Barmherzigkeit Gottes unterstellt, erfährt er letzten Endes Vergebung und Versöhnung. Seine Gedichte machen die innere Spannung und Situation des Autors sichtbar. Sie sind Spiegelbild der seelischen Entwicklung und Reifung des Autors. Indem der Dichter sein Publikum direkt in sein persönliches Glaubensschicksal miteinbezieht, gelingt es ihm auch, es in den fundamentalen Glaubensfragen, zu denen Umkehr und Buße ebenso gehören wie das Glaubensbekenntnis, die Lehre von der Dreifaltigkeit (15) und der Gnade, zu unterweisen und mit dieser katechetisch-poetischen Didaktik Instrument der Gnade Gottes zu werden und mit seinen Gedichten Gott mit den Menschen zu versöhnen.

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4. Dichtung und Mystik

Hier zum Schluß des Zyklus wird deutlich, daß alle Gnadenerfahrung im Wort konvergiert (16); im Wort Gottes in Jesus Christus, das Cynewulf in jener Nacht geoffenbart worden ist und das er durch sein künstlerisches Werk verkündet. Christus teilt als Gesandter Gottes den Menschen das mit, was außerhalb ihres Zugriffs liegt. Deshalb wird die Lehre von Jesus Christus nach Christian Duquoc zum Brennpunkt jeglicher Überlegung über den Zusammenhang zwischen dem Wort Gottes und menschlichen Worten. (17)

Wenn Sprache die Wirklichkeit des Menschen erschließt und insofern Ausdruck der Geschöpflichkeit des Menschen ist (18), ist auch das Sprechen von Gott Ausdruck jener Wirklichkeit, die wir Gott nennen, von der wir aber nur in Form einer Entsprechung reden können. (19) Cynewulf, dem das Wort Gottes offenbar geworden ist, vermag dieses Wort analog in der Sprache des Künstlers auszudrücken, denn mit der Enthüllung des Kreuzes ist ihm auch die Gnadengabe verliehen worden, schöpferisch-kreativ in Bildern darüber zu schreiben und durch seine künsterlische Tätigkeit das Wunderbare zu enthüllen (20), indem er die religiöse Lehre aus den Ereignissen herausstellt, in denen Gott bereits gewirkt hat - in der Kreuzesvision Konstantins und seinem Auftrag, den Ort des Kreuzes zu suchen, die Heilsbedeutung von Tod, Auferstehung und Himmelfahrt Christi, das Wirken des Geistes in den Glaubenszeugen und Apostel, letztendlich auch in der Person Cynewulfs selbst. Cynewulf als Mitglied der Glaubensgemeinschaft der Kirche, der er sich als poetic minister zugehörig fühlt, aktualisiert diese Botschaft neu, indem er seine Gedichte zum "Wort" werden läßt in einem dialektischen Prozeß zwischen der stets aktuellen Botschaft der Liebe Gottes, sichtbar in Auferstehung und Himmelfahrt Jesu Christi, und dem Schriftbericht des Ursprungsereignisses. (21) Damit trägt er die Verantwortung, daß die Verkündigung als Gnade erfahren werden kann. (22) Das ist gleichsam die äußere Dimension.

Ein zweiter, innerer Aspekt kommt hinzu. Echte Gnadenerfahrung bewährt sich in der Krise. (23) Bereits im Eingangskapitel des dritten Teils (24) habe ich dargelegt, daß ich Cynewulf für einen Mystiker halte. Cynewulf hat seine spirituellen Krisen, wie sie in den Epilogen zu Ausdruck kommen, bewältigt und ist zu einem neuen Stadium von Bewußtsein und Erleuchtung vorgedrungen. Der Mystiker, von dem Marsha Sinetar spricht, lebt aus dem Gefühl heraus, in einer ganzheitlichen und zusammenhängenden Welt zu existieren und die Angst vor dem Tod überwunden zu haben, im ständigen Bewußtsein der transzendenten Dimension lebend. Mystiker sind schöpferische und kreative Menschen. (25) Daß dies für Cynewulfs Gedichte zutrifft, ist unbestritten. Sein spirituell-mystischer Weg, den er in seinen Epilogen beschreibt, führt ihn hin zum bewußten Innewerden Gottes, das in Nähe und Einigung erfahren wird. (26)

Cynewulf hat seiner Begabung entsprechend dem göttlichen Wort an ihn seine dichterische Ant-Wort gegeben (27), die ihn selbst innerlich verändert und befreit hat. In seiner Dichtung konvergieren somit Gottes Gnadenangebot an die Menschen und deren freie Entscheidung zum Glauben.

Das ganze Werk, und nicht wie Calder meint, nur das Elene-Gedicht, wird somit selbst zum Kreuz, das allen Menschen das Unsichtbare sichtbar macht und die Wahrheit der sakramentalen Vision eröffnet. (28) Es ist ein Lobpreis auf Gottes Gnade und Barmherzigkeit, der in seinem Sohn Jesus Christus die Menschen erlöst hat und sie trotz aller Anfechtung zu sich ins Reich Gottes rufen will.

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1. Vgl. Fox, 1991, 30-33. Matthew Fox, der wegen seiner Schöpfungstheologie vom Vatikan gemaßregelt wurde, ist im Frühjahr 1994 in die anglikanische Kirche übergetreten (vgl. Publik-Forum 9, 1994, 4).

2. Fox, 1991, 32.

3. Vgl. Fox, 1991, 32. Dies trifft auch auf die einleitenden Verse im Elene-Epilog zu, wo Cynewulf sein spirituelles Leiden schildert (vgl. Ele 1236-1242a).

4. Zu den Thesen siehe oben S. 17.

5. Hinsichtlich der Diskussion über die heidnischen Überbleibsel verweise ich auf Kap. 1.2.2, S. 43ff. Bezüglich Publikum und Leserschaft verweise ich auf die Ausführungen von Gneuss, 1992, Bücher und Leser im zehnten Jahrhundert, 104-130.

6. EH II, 17, 94. Nach der Synode von Witby begann die eigentliche Organisation der angelsächsischen Kirche. Als Vertreter Roms wurde der griechische Mönch Theodor (602-690) im Jahre 669 zum Erzbischof von Canterbury berufen, der bereits auf der Synode von Hertford 672 sein Programm, nämlich Einhaltung des Ostertermins, strenge Diözesanordnung sowie eindeutige Zuständigkeit und strikte Bindung der Geistlichen an die Autorität des Bischofs, der Mönche an ihr Kloster, verkündete (vgl. Padberg, 1989, 28).

7. Vgl. Morton, 1976, 46f.

8. Vgl. Trevelyan, 1979, 78.

9. So z.B die Reden der Helena (Ele 386-395, 643-654); die Reden des Judas (Ele 454-535); die Abschiedsrede der Juliana (Jln 641-669a).

10. Dies zu beweisen war nicht die Absicht meiner Untersuchung. Doch aufgrund der theologisch-katechetischen Implikationen scheint mir eine spätere Datierung durchaus plausibel zu sein. So könnte auch Cynewulfs Charaktersisierung Konstantins als wahrer christlicher Herscher Vorbild für König Edgar gewesen sein bzw. König Edgar als Vorbild für Cynewulfs literarische Figur, was die Spätdatierung zusätzlich untermauern würde.

11. Zur Bußpraxis der Iren und zu ihrem Einfluß auf den europäischen Kontinent siehe oben S. 66, Anm. 149 sowie zur Geschichte der Bußpraxis S. 151.

12. Vgl. Frantzen, 1983, 7f.

13. Vgl. Borobio, 1988, 154; Läpple, 1985, 43f. Hinweise zur Geschichte und Praxis der Laienbeichte im Mittelalter finden sich in GROMER, G., 1909, Die Laienbeichte im Mittelalter, München, sowie GILLMANN, F., 1909, Zur Frage der Laienbeichte, in: Katholik I, 436-446. Sollte etwa auch kein getaufter Christ zur Verfügung stehen, so konnte man merkwürdigerweise sogar seinem Pferd oder Schwert das Sündenbekenntnis ablegen (vgl. Vorgrimler, 1978, 108). Vgl. auch die Belegstellen bei VOGEL; C., 1969, Le pecheru et la pénitence au Moyen Âge, Paris.

14. Vgl. Finkenzeller, 1975, 47. Graham D. Caie untersuchte in seinem Aufsatz From Iudicium to Dom (Caie, 1992, 43-54) zwei angelsächsische Versionen des lateinischen Gedichts De Iudicii von Beda. Zum einen handelt es sich um eine Prosa-Übersetzung "Her is halwendlic lar..." einer Predigt von Wulfstan, zum anderen die Gedichtsversion Judgment Day II. In seiner Beurteilung bezeichnet er es im Kontext von den folgenden Gedichten An Exhortation to Christian Living, A Summons to Prayer, The Lord's Prayer und das Gloria als "devotional exercises that act as an incentive to penance" (Caie, 1992, 49). Beda erwähnt nirgends die Notwendigkeit eines Priesters; der Sünder wendet sich direkt an Jesus Christus: Dem folge auch die altenglische Lyrikversion, während die anderen Gedichte im Manuskript ausdrücklich für den Gebrauch des Priesters gedacht seien. Jedenfalls bekenne die persona ihre Sünden privat, ohne Priester, während die Predigtversion Pluralpronomina verwende, die die Rolle des Priesters übernehmen sollen (vgl. Caie, 1992, 51). Ähnlich wie in den Epilogen Cynewulfs tritt in der altenglischen Version hier die innere Wandlung vom physischen zum spirituellen Bewußtseinszustand deutlicher zutage, um sicherzustellen, daß das Publikum die didaktisch-katechetische Bedeutung wahrnimmt (vgl. Caie, 1992, 48).

15. Charles Kennedy (vgl. Kennedy, 1952, 20f) nennt vor allem die Gedichte Juliana und Christ II, in denen die Lehre von der Dreifaltigkeit zum Ausdruck kommt (vgl. Jln 726-727; Chr II 464-465). Die Hervorhebung dogmatischer Themen, wie Taufe, Buße und Bekenntnis der Sünden als religiöser Vollzug durchzieht alle vier Gedichte und darüber hinaus die gesamte cynewulfsche Tradition.

16. Vgl. Pesch, 1983, 353.

17. Vgl. Ducquoc, 1988, 60.

18. Vgl. Fries, 1985, 184.

19. Vgl. Fries, 1985, 187.

20. Vgl. Gross, 1940, 112.

21. Vgl. Duquoc, 1988, 71.

22. Vgl. Pesch, 1983, 353.

23. Vgl. Pesch, 1983, 353 .

24. Siehe oben Kap. 3.2.1 Cynewulf als Mystiker durch Gnade, S. 233.

25. Vgl. Sinetar, 1986, 117f.

26. Vgl. Casutt, 1959, 759.

27. Zum Thema göttliches Wort und dichterische Antwort siehe auch oben S. ? sowie 187.

28. Vgl. Calder, 1981, 138.

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